Johanniter März 2025
»Man muss mit den Menschen einfach ins Gespräch kommen . Dann sieht vieles ganz anders aus.« Dr. Franz Müzel und im November 2023 stand Franz Müzel das erste Mal im großen Speisesaal. „Das Angebot wurde von Anfang an gut auf- genommen“, erinnert sich der langjährige Schachfreund begeistert. Auch über ein Jahr später ist Franz Müzel bei den Bewohnern ein gern gesehe- ner Gast: Ein vielleicht 15-jähriger Junge lächelt über beide Ohren, als er Müzel ent- deckt. Die Bewohner kennen den eleganten Mann im Anzug schon und nicht wenige sehnen die gemeinsamen Partien am Nach- mittag herbei. „Zeitweise waren es fast zu viele, die Schach spielen wollten“, erinnert sich Müzel. „Anfangs hatte ich ja nur ein Brett dabei“. Auch hierfür fand sich schnell eine Lösung. Kurzerhand gewann er den Unischachklub der TU Chemnitz, der einige Schachspiele spendete. Dem ehemaligen Sprachmittler Müzel ging es allerdings nicht nur um das Schach- spiel selbst. Er wollte die Menschen ver- stehen, die aus Not so weit gereist waren. Zwar spricht er kein Ukrainisch, doch er hat sich zahlreiche Sprachen angeeignet – dar- unter Englisch, Niederländisch, Tschechisch und Russisch. „Und zum Glück gibt es heute genug Technik, mit der man die Sprach- barrieren überwinden kann“, lacht Müzel. „Und gleich zu Beginn habe ich mir – ganz klassisch – noch ein Wörterbuch zugelegt.“ Bei seinen ersten Treffen hatte er zudem immer einen Spickzettel dabei. Darauf wa- ren Fragen auf Ukrainisch notiert, um mit den Bewohnern ins Gespräch zu kommen. Wie viele Schicksale er dabei über die Zeit kennenlernen sollte, konnte der passionierte Schachspieler bis dahin noch nicht erahnen. Ein unerwartetes Talent Ein 12-jähriger Spieler blieb ihm beson- ders in Erinnerung. „Der Junge aus der Ukraine war von Anfang an nicht schlecht, auch wenn ich da noch teilweise gewonnen habe“, erinnert sich Müzel schmunzelnd. Mit der Zeit wurde er immer besser und Müzel gewann immer seltener. Der „Schachlehrer“ erkannte sofort, dass hier ein echtes Talent schlummerte. Deswegen setzte Franz Müzel alle Hebel in Bewegung, um dem Nach- wuchsspieler auch nach seinem Auszug aus der Aufnahmeeinrichtung zu helfen. Durch Müzels lange Schach-Biogra- fie konnte er auf zahlreiche Kontakte in der gesamten ehemaligen DDR zurückgreifen. Und diese nutzte er geschickt: Mittlerweile fährt der Drittklässler für den Schachklub der Technischen Universität Dresden zu Turnieren, wie im Herbst zur Europameis- terschaft in Prag. Er erspielt vordere Ränge – selbst bei international offenen Turnieren ohne Altersbegrenzung, an denen Schach- großmeister aus der ganzen Welt teilneh- men. Auf die Frage, ob er heute noch eine Gewinnchance gegen das Schachwunder- kind hätte, lacht Dr. Müzel voller Stolz: „Auf keinen Fall, der Junge macht nichts anderes als Schach spielen. Für mich ist er heute un- besiegbar.“ Wie der Junge alles unter einen Hut bekommt ist bewundernswert. Neben der deutschen Schule absolviert er noch regelmäßig ukrainischen Online-Unterricht mit entsprechenden Hausaufgaben. Schicksale, die bewegen Das supertalentierte Kind war jedoch bei Weitem nicht die einzige besondere Begeg- nung für Franz Müzel. Zahlreichen Men- schen aus der Einrichtung konnte er in der Not helfen. Für eine jungen Frau machte er ein verschollenes Paket mit wichtigen Medikamenten in Hamburg ausfindig. Einer anderen Teenagerin aus der Ukraine verhalf er zusammen mit dem Johanniter-Team zu einer wichtigen neurologischen Ope- ration und bewies einmal mehr, dass ihm die Schicksale seiner Schachpartner sehr wichtig waren. Auch der 62-jährige Sergey spielte häufig mit dem Pensionär. Der Ukrainer war selbst sehr engagiert, um anderen Bewoh- nern der Einrichtung zu helfen. Die Herren freundeten sich schnell an. „Sergey ist ein feiner Mensch, der immer ein offenes Ohr für seine Mitmenschen hat“, erinnert sich Müzel. Als Sergey die Einrichtung verlassen musste, begleitete ihn sein Schachkompa- gnon zu seiner neuen Unterkunft im rund 17 Johanniter / März 2025 / Landesverband Sachsen
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