Johanniter März 2025
20 Kilometer entfernten Gornsdorf. Als sie ankamen, wurde Müzel von einem wild- fremden Mann angesprochen, ob dieser eine Wohnung brauche. „In dem Moment schaltete ich sofort. Ich nicht, aber mein Freund Sergey hier!“ Auch bei der Suche nach einem Job für Sergey halfen die Kontakte des ehema- ligen „Meliorations-Ingenieurs“. „Ich habe einen alten Kollegen angerufen, der mittler- weile Geschäftsführer ist und ihn nach einer Stelle gefragt – 25 Jahre nach unserem letzten Kontakt!“, zeigt sich Müzel be- geistert. Die Antwort: „Ich versuche es mit Sergey, er kann eine Woche zeigen, ob er löten kann.“ Konnte der gelernte Hörgerät- akustiker und wurde Industriemechaniker. Das Engagement von Dr. Müzel kommt nicht von ungefähr. Er selbst erlebte in seiner Kindheit und Jugend Armut und Aus- grenzung. Seine Familiengeschichte zeugt von Flucht, Hunger und schweren Zeiten. Dennoch kämpfte er sich durch und bestritt ein erfolgreiches und spannendes Leben. „Das macht etwas mit einem“, so Müzel. “Aber man weiß dann auch, wie wichtig es ist, dass Menschen sich gegenseitig helfen”. Und so steht Dr. Franz Müzel auch weiterhin jeden Montag und Freitag gegen 13:00 Uhr vor der Aufnahmeeinrichtung in Einsiedel und lädt die Bewohner dazu ein, mit ihm gemeinsam zu reden und Schach zu spielen. „Das Engagement hält jung und tut gut“, erklärt er erfreut und gibt zu ver- stehen, dass er noch lange nicht am Ende seiner gemeinnützigen Arbeit ist. Auf der anderen Seite des Tresens Vassyl absolviert seinen ersten Arbeitstag „auf der anderen Seite des Info-Tresens“. „Ich musste meine Heimat in der Westuk- raine aufgrund einer schweren Krankheit verlassen, da die Behandlung nicht mehr gewährleistet werden konnte“, erklärt der 35-Jährige. Nach seiner Ausreise kam er in die Aufnahmeeinrichtung in Einsiedel. „Die Menschen, die hier arbeiten, geben sich sehr viel Mühe. Mich begeistert der freund- liche Zusammenhalt im Johanniter-Team und ich wollte einfach etwas zurückgeben“, erzählt der diplomierte Programmierer. „Vassyl hat sich von Anfang an ein- gebracht und viel in der Einrichtung gehol- fen“, erzählt Rico Denninger, der Leiter der Aufnahmeeinrichtung. Nachdem Vassyl die Einrichtung, wie üblich, nach rund drei Mo- naten verließ, hatte das Johanniter-Team in Einsiedel die Idee, ihm eine Stelle in der Einrichtung anzubieten. „Vassyl hatte be- reits ein gutes Verständnis für die Nöte der Bewohner und konnte ihnen auf Augenhöhe und in ihrer Sprache begegnen. Für uns ist es sehr viel wert, dass er die Sorgen der Bewohnerinnen und Bewohner kennt. Das kann kein Studium dieser Welt ersetzen“, erklärt Denninger. Vom Bewohner zum Mitarbeiter: Vassyl (links) gehört seit Kurzem zum Johanniter-Team von Rico Denninger (Mitte). 18 Johanniter / März 2025 / Landesverband Sachsen
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