Johanniter März 2025
Wie „Post gegen Einsamkeit“ Generationen zusammenbringt Zeile um Zeile weniger allein Sachsen / „Man hat uns nicht vergessen“, schluchzt ein älterer Herr aus dem Generationen- wohnen in Leipzig-Grünau. Man versteht den Senior nur, wenn man ganz genau hinhört. Die Stimme ist tränenerstickt und überschlägt sich. Dieser emo- tionale Moment überfordert das Ehepaar Zschocke ein wenig – nicht zuletzt, weil gerade die Kamera eines ARD-Teams auf die beiden gerichtet ist. Radio- redakteure recken ihre Mikro- fone in Richtung der Empfänger der Briefe gegen Einsamkeit, Blitzlichter erhellen den Raum. Botschaft: Miteinander Überwältigt sind auch die Schülerinnen und Schüler des Gustav-Hertz-Gymnasiums. Eigentlich sollte für sie mit dem Schreiben die Aktion been- det sein, ein direkter Kontakt mit den Adressaten war nicht vorgesehen. Kurzerhand ent- schlossen sich die Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit der Johanniter-Jugend, die ersten Briefe im Dezember zu ver- teilen. „Wir wussten, dass es bewegende Momente geben wird“, berichtet der 16-jährige Jacob. „Aber diese Heftigkeit hat uns dann doch sehr be- wegt.“ Auch die Initiatorin des Projektes, Anke Weinreich vom Zentrum für Lehrer:innenbil- dung und Schulforschung (ZLS) in Leipzig, freut sich, dass „die Kinder sehen und erleben, welche Wirkung ein kleiner menschlicher Gruß haben kann. In Zeiten, in denen man viel über das Auseinanderdriften der Generationen spricht, ist das eine wichtige Botschaft des Mit- einanders.“ Und die Jungs und Mädchen von der Grundschule bis zur Gymnasialklasse haben sich echt ins Zeug gelegt. Auf- wändige Zeichnungen, liebe- volle Verzierungen und sehr viel Persönliches zierten die Briefe. Mehr als gedacht Die Idee „Post gegen Einsam- keit“ hatten die Kolleginnen und Kollegen des ZLS. Im Herbst kamen sie auf die Johanniter zu und fragten, ob sie kooperieren möchten. Lehramtsstudenten, Lehrerinnen und Lehrer aus ganz Sachsen würden mit säch- sischen Schülern etwa 1.000 Briefe an einsame Seniorinnen und Senioren schreiben. Die Jo- hanniter könnten diese über die Pflegefachkräfte zu den Klien- ten in ganz Sachsen bringen. Die Johanniter sagten sofort: „Coole Aktion, wir sind dabei.“ Aus den avisierten 1.000 Briefen wurden 3.800. Darüber hat sich die Johanniter-Jugend sehr gefreut. Jedes Jahr brin- gen Kinder und Jugendliche das Friedenslicht aus Bethlehem auch in Pflegeheime, Hospiz- einrichtungen, in das Betreute Wohnen oder auch zu einsa- men Menschen. In diesem Jahr haben sie einfach fast alle der Briefe zwischen Leipzig, Görlitz und dem Erzgebirge verteilt. Neben Tränen gab es auch viel Dankbarkeit, Umarmungen und intensive Gespräche zwischen den Generationen. Kein unbekanntes Thema Einsamkeit im Alter ist eines der Themen, das bei den Johanni- tern seit jeher eine sehr große Rolle spielt. Beim zweistündigen Talk auf MDR Radio Sachsen spricht der Johanniter-Kreis- vorstand aus dem Erzgebirge, Ingo Reichel, über das Wieder- aufleben des Johanniter-Be- suchsdienstes. „Wir begegnen Einsamkeit mit Gemeinsamkeit. Wer Lust hat, sich ehrenamtlich einzubringen, ist immer herzlich bei uns willkommen. Wir wissen aber auch, Einsamkeit betrifft häufig auch Kinder und Jugendliche. Hier versuchen wir uns zusätzlich in der Kinder- und Jugend- arbeit mit einzubringen“, so der Johanniter-Chef aus dem Erzgebirge. „Die Kassenlage der sächsischen Kommunen bringt aber beispielsweise die Schul- sozialarbeit in arge Bedrängnis. Ohne Spenden und ehrenamt- liches Engagement würde hier nicht viel gehen.“ „Man hat uns nicht vergessen“. Familie Zschocke ist von ihrem Brief sehr gerührt. Foto: Sebastian Späthe 19 Johanniter / März 2025 / Landesverband Sachsen
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