Johanniter März 2025
Schüler als Lehrer Wort für Wort ankommen Kirchberg / Viertel vor oder dreiviertel drei – damit haben selbst viele Muttersprachler Probleme. Und so verwun- dert es nicht, dass Geflüchtete manchmal zur falschen Zeit im Unterrichtsraum standen. „Seit wir aber die Uhr im Deutsch- Unterricht behandelt haben, starten wir zuverlässig“, freuen sich Emily und Josi. Die beiden 17-jährigen Schülerinnen des Christoph- Graupner-Gymnasiums in Kirchberg, betreuen bereits seit zwei Jahren den Sprachkurs im Wohnprojekt für Geflüchtete. Übernommen haben sie den Kurs von Josis Tante, die auch im Hauptberuf Lehrerin ist. Sie hat die beiden mit umfang- reichen Unterrichtsmaterialien ausgestattet. Dennoch waren Emily und Josi bei den ersten Kursen noch sehr aufgeregt und fühlten sich teilweise über- fordert. Mittlerweile stehen die beiden jedoch souverän vor der kleinen Klasse. Einmal in der Woche treffen sie sich zur Deutsch- stunde. „Am Anfang unterhiel- ten wir uns auf Englisch, ein wenig Deutsch und ganz viel mit Händen und Füßen“, erin- nert sich Emily. Wir lachen viel und kommen sehr gut voran.“ Wie zum Beweis legt eine ihrer Schülerinnen das B1 Sprach- zertifikat vor, das ihr schon gehobene Deutschkenntnisse attestiert. Vor allem die deut- sche Grammatik fällt einigen Schülern noch immer schwer. Bei Erfolgen belohnen sie sich aber auch mal gegenseitig mit etwas Selbstgebackenem. „Einen festen Lehrplan für den Kurs haben wir nicht“, erläutert Josi. „Vieles ergibt sich aus der Situation oder aus dem ganz normalen Leben unser Schülerinnen.“ Sprachspiele wie Bingo oder Galgenraten ste- hen als Einstieg hoch im Kurs. „Manchmal denken wir uns zu- sammen Kreuzworträtsel aus“, ergänzt Emily. „Das lockert die Stunde auf, die eigentlich fast immer zu kurz ist.“ Der Johan- niter-Kurs soll die sprachlichen Grundlagen für den Alltag legen. Der offizielle Aufenthalts- status erfordert allerdings einen zertifizierten Sprachkurs. Aber auch hier helfen Emily und Josi gern bei Hausaufgaben und natürlich vor Prüfungen. Für die beiden Schüle- rinnen ist das ehrenamtliche Engagement in ihrer Freizeit selbstverständlich. Sie möchten Menschen bei der Integration helfen und dabei gleichzeitig die Geschichten und Kulturen ihrer Schützlinge kennenlernen. Das erweitert schließlich auch den eigenen Horizont. In den kommenden Wochen bereiten sich Emily und Josi aber erst einmal auf das eigene Abitur vor. Danach stehen die Ausbildung zur Logo- pädin sowie ein Auslandsjahr in Frankreich an. Vorher möchten die beiden allerdings noch ihre Nachfolge klären. Dafür ge- hen sie in ihrer Schule aktuell durch die Klassen, um für neue Deutsch-Lehrer zu werben. Was für ein Engagement! Kein Frontalunterricht: Emily (links) und Josi (Mitte) nutzen Themen, die für die Kursteilnehmer wichtig sind. Artikel im Deutschen? Ein schwieriges Thema. Aber mit etwas Übung klappt es. Mittlerweile sind die beiden Schülerinnen nicht mehr aufgeregt. Das war am Anfang ihrer Kurse noch anders. Foto: Sebastian Späthe 20 Johanniter / März 2025 / Landesverband Sachsen
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