Johanniter Juni 2026

Stuttgart / Wenn die Welt aus den Fugen gerät, rückt das Kriseninterventionsteam (KIT) der Johanniter aus: Privatwohnungen, Bahnhöfe oder auch Unfallstellen wer- den zu Orten, an denen das Leben durch einen Ausnahmezustand plötzlich still- steht. „Unsere Kernaufgabe ist einfach und schwierig zugleich: Wir bringen Worte und Halt an einen Ort, an dem vorher nur Chaos war. Wir sind ein Freund auf Zeit“, erklärt Michael Kloss, Leiter der ehrenamtlichen Einheit. Mit Ruhe zuhören und konkrete nächste Schritte anbieten, gehört eben- falls zu ihren Aufgaben. „Wir sind da, damit niemand allein bleibt.“ Steigende Einsatzzahlen fordern die Ehrenamtlichen Die Zahl der Einsätze der Johanniter in diesem Bereich steigt. Nicht nur, weil mehr belastende Ereignisse passieren, sondern auch weil die Hemmung sinkt, eine Meldung abzusetzen. Außerdem nehmen Fälle häus- licher Gewalt und Suizidversuche zu. „Unsere Unterstützung wird häufiger alarmiert. Das ist wichtig, aber auch eine Herausforderung“, ergänzt der 57-Jährige. Denn das KIT ist eine rein ehrenamtliche Einheit. Die rund 27 Helferinnen und Helfer leisten 24-Stunden-Schichten an 365 Tagen im Jahr. Qualitätsstandards in der Ausbildung Das KIT arbeitet nach einem bundesweit abgestimmten Ausbildungskonzept mit praktischen Trainings, Hospitationen und erfahrenen Ausbildern. Erst nach Abschluss bestimmter Module erfolgt der Einsatz. Freunde auf Zeit Psychosoziale Notfallversorgung ist Prävention Fotos: RV Stuttgart Die Ausbildung dauert meist anderthalb Jahre. „Wir legen in der Ausbildung viel Wert auf die innere Haltung und auf die nonverbale Kommunikation“, berichtet Kloss. Essenziell ist für das KIT auch die Abgrenzung zur Therapie. Tiefergehende therapeutische Verfahren gehören nicht in ihren Werkzeugkasten. Ein wichtiger Teil der Arbeit ist dagegen, dass die Helferinnen und Helfer den Betroffenen erklären, welche Stressreaktionen für das vorliegende Krisen- ereignis als normal gelten. „Das bereitet die Betroffenen auf die kommenden Tage vor und nimmt die Angst“, erklärt Kloss. Zudem sind Bewältigungsstrategien wichtig für die Betroffenen. „Oft genügen kleine, greif- bare Dinge: ein strukturierter Tagesablauf, Gewohnheiten fortführen, darüber sprechen und konkrete Hinweise, wohin man sich wenden kann. Das gibt den Menschen Halt“, so Michael Kloss. Psychische Gesundheit ist wichtig Das Bewusstsein für psychische Gesund- heit ist heute sichtbarer denn je. Früher tabuisiert, ist das Thema heute Teil der öffentlichen Debatte. Einsatzkräfte sind besser geschult und sprechen offener über Belastungen. „Heute wissen die Kolleginnen und Kollegen: Auch mich kann so etwas plötzlich und ohne Vorwarnung treffen. Das macht es leichter, offen zu sein und Hilfe anzunehmen“, weiß Kloss. Polizei, Feuer- wehr und Rettungsdienst leisten somit vor Ort oft schon große Vorarbeit und erkennen Betreuungsbedarf früher. „Sie wissen, dass unmittelbare psychosoziale Betreuung vor allem auch Prävention bedeutet.“ Michael Kloss, Leiter des Kriseninterventionsteams Stuttgart. 18 Johanniter / Juni 2026 / Landesverband Baden-Württemberg

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