Johanniter Juni 2026

Vierzehn Minuten vor dem Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft zwischen Deutschland und Italien begann Thomas Reiter zu schweben. Er hatte im Raumschiff Discovery in 300 Kilometern Höhe die Schwe- relosigkeit erreicht. Es war ein zeitlicher Zufall, dass der deutsche Astro- naut Reiter just während der Fußball-WM 2006 zu seiner Reise ins Weltall aufbrach. Aber war es nicht auch sinnbildlich? Viele Deutsche glaubten etwas ganz Ähnliches zu spüren wie die Leichtigkeit, die Thomas Reiter am 4. Juli 2006 in der Erdumlauf- bahn überkam. Alles ging so mühelos während der WM 2006 in Deutschland, sogar und vor allem das Lächeln. Zu Gast bei Freunden / Zwanzig Jahre ist es her, dass die Fußball-WM eine nie gesehene spielerische Freude ins Land brachte. Tag für Tag trafen sich Millionen auf den Plätzen der Städte oder im Garten von Freunden, um gemeinsam Fußball zu schau- en. Die Menschen schwenkten die deutsche Fahne und am nächsten Tag die von Ghana, denn die Welt sollte zu Gast bei Freunden sein. „Partyotismus“, taufte die Publizistin Thea Dorn die Bewegung. „So viel Weltoffenheit, solch eine Unbeschwertheit, eine derart unverkrampfte Gastfreundschaft hatten wir uns gar nicht zugetraut“, schrieb die FAZ. „Nicht einmal mehr auf das Wetter scheint noch Verlass: Die hochsommerliche Atmosphäre versetzt das an- geblich notorisch trübe Gemüt eines angehenden Globalisierungsverlierers geradezu in Wallung.“ Zwanzig Jahre später sind die Erinnerungen an diese Zeit melancholisch gefärbt. Denn auch wenn es nur eine Sommerparty war und eine Feier nie den Alltagszustand widerspiegelt, so war der deutsche Sommer doch auch Ausdruck eines optimistischen Zeitgeists: Nur sieben Prozent der Deutschen glaub- ten 2006, Militärstärke sei ein wichtiger Faktor für eine Großmacht. Wirtschaftskraft, Bildung, damit würde die Zukunft gemacht. Der Astronaut Reiter Foto: Peter von Felbert / Illustration: raufeld/Martin Rümmele Beiträge in der Rubrik „Denkanstoß“ geben nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder Ronald Reng, 56, bringt als Autor, Journalist und passionierter Fußball-Fan immer wieder persönliche Schicksale und große Themen der Zeit zusam- men. Im Piper-Verlag ist gerade sein neues Buch „Der Deutsche Sommer - Als 2006 plötzlich die Leichtigkeit einzog“ erschienen (siehe auch Verlosung auf S. 29). Denkanstoß Leichtigkeit in Sicht? flog mit Russen und Amerikanern gemeinsam in den Weltraum, „und diese Völkerverständigung hat unsere Vorstellung von der Zukunft geprägt“, sagt er: „In dieser Welt werden militärische Kriege der Vergangenheit angehören, dachten wir.“ Sehnsucht nach Gemeinschaft / Zwanzig Jahre später findet eine Fußball-WM in den USA statt, in denen ein Präsident mit dem Recht des Stärke- ren regieren will. Mehrere Groß- und Mittelmächte begannen jüngst aus geostrategischen Gründen Kriege. In diesen Zeiten ist Leichtigkeit höchstens noch ein privates, kein öffentliches Gefühl mehr. Aber die Sehnsucht nach einer Völkergemeinschaft, die zusammenarbeite und manchmal auch zusam- men feiere, sei unter der Oberfläche noch immer vorhanden, glaubt Thomas Reiter heute: „Vernunft und Verständigung werden sich auch wieder durch- setzen.“ Er hat den deutschen Sommer damals durch seinen Weltraumflug nicht verpasst, sondern nur aus anderer Perspektive erlebt. Als er in der Discovery einmal 300 Kilometer über Deutschland flog, richtete er das Teleobjektiv seiner Fotokame- ra auf die Heimat. „Und da sah ich: alles wolken- frei.“ / Ronald Reng Johanniter / Juni 2026 / Unter Freunden 29

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