Johanniter September 2026

Gedankenspiel: Es ist Herbst 2026. Die deut - sche Bundesregierung kündigt eine Kehrtwende ihrer Wirtschaftspolitik an. Geläutert treten ihre Vertreterinnen und Vertreter vor die Presse. Sie sehen ein: Ihre jetzige Wirtschaftspolitik folgt alten Überzeugungen, die nicht dem Wohle der Bevölke - rung dienen, sondern den Interessen weniger über - reicher Personen. Eine Regierungssprecherin macht es deutlich: „Wir besinnen uns zukünftig wieder auf die eigentliche Aufgabe von Wirtschaft: die Bedürf - nisbefriedigung von Menschen. Selbstverständlich unter Beachtung einer gesunden Umwelt.“ Haushalts-Lehren / In Zukunft rückt ins Zentrum, was einmal der Ursprung des Wortes Ökonomie war, die griechische „oikonomia“ – die Lehre des Haus - haltes. Es geht darum, die große wirtschaftliche Verteilungsaufgabe so zu lösen, dass alle das haben, was sie zum Leben brauchen. Dazu zählt auch die unbezahlte Sorgearbeit: putzen, kochen, Kinder zur Welt bringen und großziehen, Pflege. In Summe sind das in Deutschland pro Jahr 117 Milliarden Stunden. Fast doppelt so viel wie die bezahlte Erwerbsarbeit mit 60,6 Milliarden Stunden. Sorgearbeit soll wieder ins Zentrum gestellt wer- den. Die Regierungssprecherin betont: Auch das ist Arbeit, die wir wirtschaftspolitisch beachten müssen. Genau wie die bezahlten Sorgeberufe im Gesundheits- und Sozialwesen und das Ehrenamt. All die Arbeit, die in den vergangenen Jahren zuneh - mend ausgebeutet und ins Private verschoben wur- de, sie soll wieder anerkannt und gewürdigt werden. Menschen, die sie leisten, viele davon Frauen, sollen nicht mehr befürchten müssen, deswegen in Alters - armut zu landen. Ehrenamt als Ausputzer / Die Regierungsspreche- rin entschuldigt sich im Namen der Bundesregierung dafür, dass im Ehrenamt so viele Leute das auf - räumen, was das profitzentrierte Wirtschaftssystem und die Interessen einiger Überreicher angerichtet haben. Sie verweist auf die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 mit den vielen ehrenamtlichen Helfe - rinnen und Helfern – auch der Johanniter. Oder auf die jüngsten Hitzewellen, bei denen Unzählige den Menschen in Alten- und Pflegeheimen beistanden. Diese Regierungserklärung verändert alles. Die Umfragezahlen der rechten Parteien stürzen in den Keller. Expertinnen holen Analysen und Politik - vorschläge von progressiven Wirtschaftswissen- schaftlern aus den Schubladen, die seit Jahren dort ruhen. Sie zeigen: Wir brauchen kein Wachstum, um unseren Wohlstand zu bewahren. Wenn wir uns darauf fokussieren, Sorgearbeit ins Zentrum zu stellen, die bezahlten Sorgeberufe aufzuwerten und unser Geldsystem zu demokratisieren, dann können wir echten Wohlstand generieren: Zeit füreinander, eine gesunde Umwelt, ein Auskommen, das alle not - wendigen Ausgaben deckt. Die Erleichterung nach all den Jahren des Sorgedrucks ist den Menschen anzumerken. Es liegt ein Aufbruch in der Luft. / Feline Tecklenburg Foto: Grit Siwonia / Illustration: raufeld/Martin Rümmele Beiträge in der Rubrik „Denkanstoß“ geben nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder Feline Tecklenburg ist Politökonomin und Mitgrün- derin der Denk- und Hand- lungswerkstatt „Wirtschaft ist Care“. Im Oktober erscheint ihr Buch „Das Wir in Wirtschaft“ (siehe Verlosung auf Seite 30). Denkanstoß Die versorgen, die andere versorgen Johanniter / September 2026 / Unter Freunden 29

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